

Von
Ennio Limbach Brun del Re
Beim Kunden-Onboarding in der Vermögensverwaltung spart KI Zeit an zwei Stellen: bei den Dokumenten und bei der Kommunikation. Was sie nicht verkürzt, ist die Kontoeröffnung bei der Depotbank. Diese ehrliche Aufteilung ist der wichtigste Satz in diesem Artikel. Wer sie akzeptiert, kann seinen Prozess in sechzig Tagen spürbar verbessern. Wer sie ignoriert, baut an der falschen Stelle.
Die Erwartungshaltung Ihrer Neukunden hat sich verändert. Bei einer Neobank ist ein Konto in Minuten eröffnet. Wer danach zu einem unabhängigen Vermögensverwalter wechselt, wartet vom Erstgespräch bis zur ersten Anlage in der Regel mehrere Wochen. Der Kunde versteht den Unterschied nicht, denn er sieht nur die Wartezeit. Er versteht ihn auch nicht, wenn Sie ihn erklären. Er verzeiht ihn erst, wenn der Prozess transparent läuft und nichts hängen bleibt.
Der Prozess ist aus guten Gründen aufwendig. Er besteht aus sechs Schritten, und jeder hat seinen eigenen Flaschenhals:
| Schritt | Typischer Aufwand | KI hilft |
|---|---|---|
| 1. Erstkontakt und Bedarfsklärung | Gespräch, Notizen, Zusammenfassung | stark |
| 2. Risikoprofil und Anlagestrategie | Fragebogen, Abstimmung, Dokumentation | etwas |
| 3. Identifikation und KYC | Ausweise, Vermögensnachweise, Dossier | stark |
| 4. Verträge und Vollmachten | Entwurf, Prüfung, Unterschrift | etwas |
| 5. Konto- und Depoteröffnung bei der Depotbank | Bankformulare, Legitimation, Warten | kaum |
| 6. Vermögensübertrag und erste Anlage | Übertragsaufträge, Abstimmung mit den Banken | kaum |
Die sechs Schritte des Onboardings: Wo KI viel beiträgt und wo die Grenzen liegen.
Drei Erkenntnisse aus dieser Tabelle: Erstens steckt der grösste Teil der internen Arbeit in den Schritten eins bis vier. Zweitens liegt der grösste Teil der Wartezeit in den Schritten fünf und sechs. Drittens können Sie nur den ersten Teil selbst verkürzen. Genau deshalb lohnt sich der Blick dorthin.
Der Branchenbefund bestätigt das Bild. In der Studie «AI Use Cases and Crypto Assets in External Asset Management» der Hochschule Luzern und von Finup vom Juli 2026 zählen Onboarding, KYC und Research zu den grössten Schmerzpunkten der unabhängigen Vermögensverwalter (HSLU/Finup, Juli 2026). Der Schmerz ist bekannt. Die Frage ist nur, an welcher Stelle Sie ihn zuerst angehen.
Vier Handgriffe lassen sich heute zuverlässig automatisieren, ohne dass ein Kunde davon etwas merkt, ausser dass es schneller geht:
Zusammengenommen sind das die Stunden, die heute zwischen den eigentlichen Entscheiden verloren gehen. Die Entscheide selbst, Risikoeinstufung, Strategievorschlag, Aufnahme des Kunden, bleiben bei Ihnen.
Ebenso wichtig ist die ehrliche zweite Hälfte. Drei Dinge wird KI auf absehbare Zeit nicht lösen:
Aus meiner Praxis: In Erstgesprächen höre ich oft den Satz: «Wir wollen das Onboarding digitalisieren.» Meine Gegenfrage ist immer dieselbe: Meinen Sie das Erlebnis für den Kunden oder die Arbeit in Ihrem Backoffice? Beides ist legitim, aber es sind zwei verschiedene Projekte mit zwei verschiedenen Preisschildern. Die meisten kleinen Häuser sollten mit dem Backoffice beginnen, weil dort die Stunden liegen und weil der Kunde den Effekt ohnehin spürt: Es geht schneller, und er muss nichts zweimal schicken.
Über meine Arbeit für additiv bin ich nah dran, wie grosse Institute dieses Problem angehen. Bei diskretionärem Portfolio-Management mit Self-Service-Onboarding, eingeführt bei einer der grössten Neobanken Europas, führt der Kunde sich selbst durch den Prozess: Datenerfassung, Vollständigkeitsprüfung und Dokumentenaufbereitung laufen im Hintergrund, und der Mensch prüft am Ende eines vorbereiteten Prozesses, statt den Prozess selbst zu tragen.
Diese Plattformen sind Jahresprojekte. Vier Prinzipien davon lassen sich aber ohne Plattform übernehmen:
Kein Vermögensverwalter muss zur Neobank werden. Aber die Erwartung, die Neobanken gesetzt haben, können Sie mit diesen vier Prinzipien beantworten, ohne Ihren Prozess aufzugeben.
Vier Schritte, machbar neben dem Tagesgeschäft:
Was das Ganze kostet, hängt davon ab, was Sie pilotieren. Die Grössenordnungen, ein Pilot inklusive Setup im fünfstelligen Frankenbereich plus moderate monatliche Betriebskosten, stehen im Artikel Was kostet KI für Finanzdienstleister?.
Hinweis: Wir sind keine Anwaltskanzlei. Alle Angaben zu rechtlichen und regulatorischen Themen, insbesondere zu Identifikations- und Sorgfaltspflichten im Onboarding, stehen unter Vorbehalt und ersetzen keine Rechtsberatung. Für konkrete Fragen ziehen Sie bitte eine Anwältin oder einen Anwalt beziehungsweise Ihre Compliance-Fachperson bei.
Schreiben Sie beim nächsten Neukunden einmal mit, wie viele Stunden in Dokumente und Kommunikation fliessen und wie viele Tage das Dossier bei der Depotbank liegt. Bei den meisten Häusern zeigt diese Messung, dass die Hälfte der internen Zeit in Vorbereitung und Nachfassen steckt. Genau dieser Teil ist in sechzig Tagen verbesserbar, ohne die Bank, ohne neues Kernsystem, ohne Jahresprojekt. Die Übersicht über alle Anwendungsfälle und ihre Reihenfolge steht im Pillar-Artikel zu KI für unabhängige Vermögensverwalter. Wenn Sie sehen möchten, wie eine solche Umgebung konkret aussieht: KI für Vermögensverwalter.
Nein, nicht direkt. Die Prüffristen und Formulare der Depotbank liegen ausserhalb Ihres Einflusses. Der Hebel liegt davor: Vollständig vorbereitete Dossiers werden seltener zurückgewiesen, und jedes zurückgewiesene Dossier kostet etwa eine Woche. Indirekt sparen Sie also genau dort Zeit, wo Sie nichts steuern können.
Das hängt von Ihrem Prozess ab, deshalb beginnt der Plan mit einer Messung. Die Erfahrung aus der Branche: Der grösste interne Aufwand steckt im Sammeln, Prüfen und Nachfassen von Unterlagen, und genau dieser Teil lässt sich vorbereiten. Die Wartezeit bei der Depotbank bleibt.
Nein. Die beschriebenen Schritte bauen auf Ihren bestehenden Formularen und Checklisten auf. Es braucht eine geschützte Umgebung für die Kundendaten und klare Freigabepunkte, keine Systemmigration.
Onboarding-Unterlagen gehören zum sensibelsten Material im Haus. Sie gehören in eine geschützte Umgebung mit klarem Vertrag und geprüftem Standort, nicht in öffentliche Chatbots. Der Grund ist nicht nur der Datenschutz: Das Berufsgeheimnis für Finanzdienstleister ist strafrechtlich geschützt, eine Verletzung kann nach Art. 69 FINIG mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. Damit ist der Speicherort der Kundendaten eine Kernfrage, kein Detail. Die Regeln dafür stehen im Artikel zu ChatGPT und Kundendaten.
Bei der Vollständigkeitsprüfung. Sie ist der schnellste Effekt, weil sie die teuerste Verzögerung verhindert: das zurückgewiesene Dossier bei der Depotbank. Danach folgt das automatische Nachfassen bei fehlenden Unterlagen.

Über den Autor
Ennio Limbach Brun del Re
Ennio Limbach Brun del Re ist Gründer von Humanyx, Leadstreams und Taskstreams. Über seine Zeit bei additiv bringt er langjährige WealthTech-Erfahrung mit und begleitet Finanzdienstleister bei der Einführung von KI-Systemen.
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